Rasseportrait: Cairn Terrier

von Simone Zollinger
© Schweizer Club für Terrier (SCFT)

Mit seinem intelligenten, wachen Ausdruck, seiner aufgestellten, liebenswerten Keckheit zieht der Cairn Terrier immer mehr Menschen in seinen Bann. Mit einer neugierigen Selbstsicherheit geht er auf Neues zu und, nicht zuletzt wegen seiner positiven Lebenseinstellung, wird er leider immer mehr vermarktet, sei dies zu Reklamezwecken im Werbefernsehen, auf Postern oder in Zeitschriften. Da heute der Trend zu kleinen Hunden eindeutig ist, wird er in vielen Inseraten als der ideale, pflegeleichte Kleinhund angeboten.

Wenn Sie sich aber einen Cairn anschaffen wollen, nur weil er lustig, kinderfreundlich und von praktischer „Wohnungsgrösse“ ist, dann kann es leicht passieren, dass er Ihnen trotz seiner geringen Schulterhöhe über den Kopf wächst! Denn, um einem Cairn Terrier voll und ganz gerecht zu werden, damit er seine urtümlichen, unverfälschten Eigenarten beibehalten und entfalten kann, sollte man doch einiges über seine Herkunft und Rassengeschichte kennen.

 

Herkunft und Rassengeschichte

Der Name des Cairn-Terriers soll aus einer alten keltischen Sprache, dem Gälischen, stammen. Dort hat das Wort „cairn“ die Bedeutung „Stein“ oder „Steinhaufen“. Ursprünglich wurden diese Terrier für die Jagd zwischen Felsen, Geröll und Flussgestein gezüchtet und man weiss nicht, ob sie aus diesem Grunde „Cairn“ genannt wurden, oder weil ihr Fell die Farbtöne schottischen Gesteins hatte.

Es ist überliefert, dass es in den schottischen Hochländern und auf den Inseln Westschottlands schon im 16. Jahrhundert Terrier, sogenannte „Erd-hunde“ gab. Die Zucht dieser Hunde war, ohne Rücksicht auf ihr Äusseres, ausschliesslich auf ihre jagdliche Verwendung ausgerichtet: kurzbeinige (d.h. niederläufige), mutige, schnell entschlossene und raubzeugscharfe Tiere sollten es sein, die in Meuten gehalten wurden. Ihre Gegner waren Mäuse, Ratten, Marder, Füchse, Dachse oder auch Otter!

Diese „Urhunde“ waren sicherlich die Vorfahren der heutigen Cairn-, West Highland White-, Scottish- und Skye-Terrier, wie auch des Dandie Dinmont-Terriers. Letzterer hat seinen Ursprung im schottischen Tiefland, der Skye-Terrier auf der Isle of Skye und die Cairns, Westies und Scotties im Hochland  - diese drei sind eng miteinander verwandt. Obwohl der Cairn von allen als der ursprünglichste gilt, fand er als letzter seine offizielle Anerkennung.

Bedingt durch die kaum vorhandenen Verkehrsverbindungen in Schottland bis Anfang des 20. Jahrhunderts züchteten die Farmer und Grossgrundbesitzer ihren speziellen Terriertyp, jeder den eigenen jagdlichen Anforderungen entsprechend. So wurden die charakterlichen Eigenschaften verschiedener Zuchten durch die Inzucht gefestigt.

Auch bevorzugten bestimmte Familien bestimmte Farben: so bevorzugten z.B. die Macdonalds aus Waternish dunkelgraue und gestromte (brindle), die Macleods aus Drynoch silbergraue, während die Macinnons aus Kilbride alle Schattierungen hielten, von crèmefarben, rot, gestromt bis beinahe schwarz.

Ähnlich wie beim Skye-Terrier konzentrieren sich geschichtliche Überlieferungen auf die Insel Skye. Kenner beider Rassen behaupten, auch ihr Ursprung liege in den gleichen Familien, nämlich den Drynoch, den Roseneath, den Mogstads und den Camusenary. Die Roseneath-Terrier wurden oft mit denjenigen der Familie Malcolm aus Poltalloch gekreuzt. Diese Poltallochs waren crèmefarbene oder weisse Cairns, die später als „West Highland White Terrier“ bekannt wurden.

Die Vorläufer des Cairn-Terriers wurden „Kurzhaar-Skye-Terrier“ genannt. Ihre Zuchten beschränkten sich aber nicht nur auf die Insel Skye, sondern es gab auch solche auf den Inseln Harris und Mull. Wie verworren die Terrier-Situation in Schottland kurz vor und nach der Jahrhundertwende war, kann man aus verschiedenen Berichten entnehmen, so z.B. aus einem Brief eines Mr. A. Macdonald, anfangs 1910: „Mein kürzlich verstorbener Onkel, Captain Macdonald aus Waternish, geb. 1823 in Skye, war ein gros-ser Kenner der Terrier dieser Insel. Er vetrat die Ansicht, dass alle schottischen Terrier vom Kurzhaar-Skye-Terrier abstammen, dieser also der reinste, echteste Skye-Terrier sei.“

Ein gewisser Baillie Flett schrieb zu Beginn unseres Jahrhunderts: „Mein Vater züchtete in den sechziger Jahren Cairns, aber sie wurden dann als Scottish-Terrier anerkannt. Sie waren hell gestromt, hatten echte Cairn-Köpfe, mächtig starke Kiefer, dichtes, hartes Haar, gute Knochen, schöne kleine Ohren und dunkle Augen. Sie wogen 14 Pfund.“

Bis zum Jahr 1924 wurden weisse Carin-Welpen, die immer wieder auftraten, als West Highland White Terrier in die Zuchtbücher eingetragen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden diese beiden Rassen von vielen Züchtern auch immer wieder miteinander gekreuzt.

Als Begründerin des modernen Cairn-Terriers darf ganz sicher Mrs. Alastair Campell aus Ardrishaig am Loch Fyne bezeichnet werden. Schon ihre Mutter erhielt 1875 einen solchen Hund als Geschenk. Mrs. Campell setzte sich zum Ziel, diese Rasse zu züchten und später einmal zur Anerkennung durch den Kennel Club zu führen. Sie gründete den Zwinger namens „Brocaire“ (gälisches Wort für „Fuchsjäger“). 1909 stellte Mrs. Campell an der Inverness-Schau ihre Hunde „Roy Mhor“, „Doran Bhan“ und „MacLeod of Mac Leod“ aus. Ferner zeigte Mrs. Macdonald ihre Hündin „Fassie“. Die Hunde erregten Aufsehen, waren eine Sensation und man beschloss, einen Cairn Terrier Club zu gründen mit Mr. Macdonald als Präsidenten und Mrs. Alastair Campell als Sekretärin.

Da mit der Bezeichnung „Kurzhaar-Skye-Terrier“ Verwechslungen mit dem Skye-Terrier befürchtet wurden, einigte man sich im Jahre 1910 nach vielen, heftigen Diskussionen darauf, erstgenannte Hunde nun als Cairn-Terrier zu bezeichnen.

 

Der Cairn Terrier in der Schweiz

In den frühen zwanziger Jahren kamen die ersten Cairn-Terrier in die Schweiz. Im Band XXV des Schweizerischen Hundestammbuches (SHSB) finden wir die ersten Eintragungen, und zwar die Hündin „Silver Lass“ und der Rüde „Sholo of Frimberg“, beide aus England importiert von Dr. J. Brodbeck aus Arlesheim. In den Jahren 1942 bis 1946 sanken die Zahlen eingetragener Hunde auf Null, stiegen aber ab 1951 wieder kontinuierlich an. Die Rasse wird heute regelmässig gezüchtet und ist bekannter denn je.

 

Charakter / Eigenarten

Aus Beschreibungen und Gemälden des letzten Jahrhunderts ist ersichtlich, dass sich das Äussere des Cairns kaum verändert hat. Ebenso verhält es sich aber auch mit seinem Charakter: dieser Terrier ist  - gottseidank -  ein robuster, ursprünglicher Naturbursche mit nicht zu unterschätzendem Jagdinstinkt geblieben, der gerne buddelt und sich am liebsten nach seinen eigenen Ideen benimmt! Dies hat aber nichts mit „Sturheit“ zu tun, denn früher musste ein Cairn bei der Jagd selbstsicher und eigenständig handeln, ohne zuerst menschliche Befehle abzuwarten. Nur so konnte er überleben, wenn z. B. ein Dachs sein Gegner war. Also denken Sie immer daran: „der Ursprung prägt den Charakter!“

Erziehung / Haltung

Ein Cairn Terrier ist viel zu clever, um nicht erzogen zu werden! Seine „Kreativität“ ist genial und kann bei gutem Hundeverständnis Ihrerseits in die richtigen, d. h. für sein Umfeld verträglichen Bahnen gelenkt werden.

Mit bestimmter, aber liebevoller Konsequenz erreichen Sie sicher, dass er begreift, was „Ja“ oder „Nein“ für ihn bedeutet. Besuchen Sie einen Erziehungskurs mit ihm, dies gibt Ihnen Sicherheit für den richtigen Umgang mit Ihrem Vierbeiner. Beim Hund fördert es das gesunde Sozialverhalten unter Artgenossen, was sehr wichtig ist. Denn der Cairn ist ein „grosser Hund auf kleinen Beinen“ und vorallem die Rüden legen sich furchtlos mit einem Kollegen einer grossen Rasse an, wenn ihnen dieser nicht in den Kram passt.

Obwohl er Sie vorallem in seiner Jugend- und Flegelzeit stark fordern wird, um zu wissen, dass Sie der Boss sind und bleiben, sollten Sie sein einzigartiges, offenes Wesen schätzen, respektieren und akzeptieren. Denn trotz seinem oftmals burschikosen Auftreten hat er auch eine sensible Seite, die Anspruch auf volle Integration im Menschenrudel hat. Der Cairn ist kein Hund „nebenbei“, den man eventuell im Zwinger versorgt und nur hervorholt, wenn’s einem passt. Er soll ein Familienmitglied sein, das Sie nach Möglichkeit begleiten darf. Dafür wird er Sie wenn nötig lauthals und mutig verteidigen und Ihren Kindern ein geduldiger, lustiger Kamerad und bei Bedarf auch „Seelentröster“ sein.

Bei genügend Auslauf und Beschäftigung kann der Cairn auch in einer Wohnung gehalten werden. Wohnen Sie mit ihm in einem Haus mit Garten, sollte dieser sicher eingezäunt sein, sonst zieht Ihr Vierbeiner bald allein durch die Umgebung.

 

Pflege

Man hört und liest immer wieder, wie pflegeleicht der Cairn Terrier sei, aber dies ist nur bedingt richtig. Es stimmt, dass er nicht übermässig zurechtgemacht wird, sein Erscheinungsbild sollte zottig und struppig, aber trotzdem sauber und gepflegt wirken. Der Cairn besitzt ein zweifaches Haarkleid :

- das Deckhaar sollte üppig und harsch (nicht drahtig) sein, dadurch ist es sehr wetterbeständig

- die Unterwolle ist kurz, zart und sehr dicht.

Um diese beiden Haarschichten optimal pflegen zu können, sollten Sie den Hund etwa zweimal pro Woche gründlich bürsten und bis auf die Haut kämmen. Wird dies unterlassen, kann das Fell verfilzen, die Haut hat nicht genügend Luft, und es kommt zu allergischen Reaktionen wie Juckreiz oder in schlimmen Fällen zu offenen, nässenden Wunden. Daher ist auch ein fachgerechtes Trimmen zwei- bis dreimal jährlich ein Muss für jeden Cairn. Beim Trimmen werden die losen Deckhaare von Hand entfernt, und zwar in der Härung, d. h. wenn sie genügend ausgewachsen sind, das Fell also „reif“ ist. So kann das neue Haarkleid durchstossen und Sie haben stets einen natürlich gepflegten Hund. Zum Trimmen können Sie Ihren Hund zu seinem Züchter bringen oder in einen Hundesalon, welcher vom Züchter empfohlen wird. Kontrollieren Sie bei der wöchentlichen Pflege auch die Sauberkeit der Augen, Ohren, der Afterregion und der Pfoten. Vorallem bei den Pfoten können eingetrocknete Erdstückchen zu schmerzhaften Entzündungen zwischen Zehen oder Ballen führen.

 

Der Züchter

Kaufen Sie Ihren Cairn-Terrier nur bei einem seriösen Züchter, der vom Schweizerischen Club für Terrier (SCFT) betreut und kontrolliert wird!

Züchten heisst eine Rasse erhalten, wenn möglich verbessern und bedeutet vorallem eine grosse Verantwortung zu tragen. Diese bezieht sich beim seriösen Züchter speziell auf die folgenden Punkte:

·       fundiertes Wissen über die Rasse

·       Kenntnisse der Vererbungslehre

·       allgemeine kynologische Kenntnisse (Wesen, Prägung, Erziehung etc.)

·       Aufzucht

Züchten bedeutet sehr viel Arbeit und oft eine Präsenzzeit rund um die Uhr. Es bedeutet auch Menschenkenntnis, ein gutes „Gschpüri“, um die Interessenten der Welpen möglichst optimal beraten zu können und sich ein Bild des zukünftigen Umfeldes der Puppies zu machen.

Es bedeutet aber auch sehr viel Schönes, Lustiges und grosse Befriedigung, wenn aus den Welpen gesunde, gute Hunde geworden sind. Wie „wird“ denn nun ein guter Hund? Die Welpen kommen blind und taub zur Welt, nur ihr Geruchssinn ist schon ausgebildet. Bei der täglichen Gewichtskontrolle und beim Erneuern der Wurfkisten-Unterlagen werden die Welpen immer wieder angefasst und können ihren Züchter schon bald „gut riechen“. Wenn sich die Augen nach ca. 14 Tagen öffnen und die kleinen Hunde mit etwa 3 Wochen tapsig herummarschieren, kann man sich immer mehr mit ihnen befassen, sie prägen und fördern. Sie lernen die grosse Welt ausserhalb des Wurflagers und im Freien kennen. In die Zeit, die der Cairnwelpe beim Züchter verbringt, fällt auch die enorm wichtige Prägungsphase. Was er in dieser Phase mitbekommt, wird ihm immer „eingeprägt“ bleiben  - positive und negative Erlebnisse. Er sollte daher, bis er in seine neue Familie kommt, von seinem Züchter, je nach Altersstufe, möglichst viel „gezeigt“ bekommen: fremde Personen für sein Menschenvertrauen, freundliche Kinder, die ihn nicht erschrecken, andere Tiere, verschiedene Geräusche. Er kennt Halsband, Leine und Autofahren, und durfte eventuell schon mal mit in ein Restaurant.

Der seriöse Züchter nützt die vielen Möglichkeiten, um Ihnen einen gut sozialisierten kleinen Cairn abgeben zu können. Gleichzeitig wird er Ihnen nebst Abstammungsurkunde und Impfausweis auch einen Futterplan und Futter für die erste Zeit mitgeben. Da für den Züchter die Verantwortung beim Verkauf nicht einfach aufhört, hilft er Ihnen auch später bei eventuellen Problemen und Fragen weiter.

Jeder engagierte Züchter kann Ihnen nur das „Rohmaterial liefern“ und hofft, dass durch Sie daraus ein unvergleichlicher, „cairniger“ Kamerad wird, der mit Ihnen durch Dick und Dünn gehen wird und Ihnen Ihre Zuneigung um ein Vielfaches erwidern wird!

 

Bücher

„Der Cairn Terrier“, W. Peper / G. Bottenberg, Verlag Paul Parey, Reihe „Dein Hund“, ISBN 3-481-26771-1

„Die Terrier der Welt“, Tom Horner, Kynos Verlag, ISBN 3-924008-10-8

Dieser Bericht ist im Schweizer Hunde Magazin Nr. 7 / 1996 erschienen