Rasseportrait: English Toy Terrier

von Simone Zollinger
©
Schweizer Club für Terrier (SCFT)

Die Vorfahren des English Toy Terriers waren die Black-and-Tan Terrier, die heutigen Manchester Terrier, welche zuweilen als älte­ste Terrierrasse bezeichnet wird. Bereits um etwa 1570 wurde ein Black and Tan Terrier beschrieben. Der heutige English Toy wurde im 19. Jahrhundert durch selektive Zucht und Einkreuzung mit dem Italienischen Windspiel geschaffen. Es ist unbestritten, dass die heutige Form des Manchester und des English Toy Terriers nicht in Jägerhänden, sondern bei den Arbeitern in den Hafengebieten von Liverpool und Manchester entstanden ist. Hier entwickelte sich aus dem einstigen Jagdhund ein Rattenfänger und Haushund, der von den Arbeitern für die Jagd auf Kaninchen und Ratten benützt wurde.

Sonntagsvergnügen der Arbeiter war der Kampf der Hunde gegen Ratten in Ratten-Pits. Da wurden hohe Wetten auf die Spitzenhunde im Rattentöten nach der Stoppuhr abgeschlossen. So wird etwa in Sydenham Edwards «Cynographia Britannica» (1800) von einem Black-and-Tan Terrier namens «Billy» berichtet, der in 6 Minuten 35 Sekunden 100 Ratten tötete. (Die Wette lautete auf 100 Ratten in 8 1/2 Minuten). Ein andermal soll «Billy» 100 Ratten in 6 Minuten 13 Sekunden erledigt haben. Nach dem Biss des Hundes durfte eine Ratte höchstens um die eigene Körperlänge nach vorne kriechen, sonst war die Wette verloren.

Der English Toy Terrier hat einen kleinen, mittellangen Körper, einen leicht gebogenen Rücken, einen schmalen, langen Brustkorb, einen schmalen, v-förmigen Kopf sowie Stehohren mit spitzen Enden und ein gleichmässiges Scherengebiss. Ausserdem hat er einen peitschenähnlichen Schwanz, der zur Spitze hin spitz zuläuft und gerade nach unten getragen wird. Das kurze Fell ist dick, glatt und glänzend. Seine Farbe ist schwarz und lohfarben.

Das Wesen wird im FCI-Standard wie folgt beschrieben: Kleinhund mit typischen Terrier-Eigenschaften. Wachsam, durch sein Auftreten deutlich machend, warum er sich in früheren Zeiten beim Rattenbeissen auszeichnen konnte; niemals übermässig nervös.

Toy» heisst auf deutsch «Spielzeug»; ein Toy Terrier ist demnach ein kleiner Hund, ein «Spielzeug», das man sich zum Zeitvertreib hält. Dabei ist der Zwerg jedoch ein Hund, der seine Terriernatur keineswegs verleugnet. Die Black-and-Tan-Terrier der damaligen Zeit waren mehrheitlich recht kleine Hunde; ein Hund mit einem Körpergewicht von 5 englischen Pfund oder gar darunter ist ein ausgesprochen kleiner Hund. Der Toy war offensichtlich schon zu Beginn der Reinzucht des Manchester Terriers vorhanden. Seine Entstehung wird auf die Einkreuzung des Italienischen Windspiels in die Black-and-Tan-Terrier-Zucht zurückgeführt. Die Toys lassen auch heute noch den Einfluss des Windspiels erkennen.

Über die Toy Terrier im vergangenen Jahrhundert schreibt S. Green in ihrem «Handbook» (nicht datiert): «Vor hundert Jahren war der kleine Black and Tan ganz verschieden von seinen Abkömmlingen der heutigen Tage. Es scheint, dass er ein sehr populärer Hund im Ostend von London war, wo er fast in jedem Haus zu finden war. Er war so klein, dass er in einer Jackentasche getragen werden konnte. Er hatte einen runden Apfelkopf, hervorstehende, nachtschwarze Augen und Zähne so scharf wie Nadeln. Das Fell war dünn, man sah die Haut, der Hals war kurz und dick, die Schultern derb, die Läufe waren dünn und unter den Körper gestellt, der Rücken war deutlich gebo­gen. Die Tanfarbe war ein trübes Gelb-braun. Zwischen 1890 und 1920 waren alle Ohrenformen erlaubt.»

Wenn sich seither auch vieles zum Positiven gewendet hat, so lässt sich das Zuchtziel, wie es J. A. Petersen formuliert hat, schwerlich ganz erreichen. Er schreibt («Zentralblatt für Jagd- und Hundeliebhaber», 1894): «Die kleinen Black-and-Tan- oder Toy Terrier sind nur eine Taschenausgabe der grösseren Art; auch gelten für dieselben genau die gleichen Rassezeichen. Obwohl sie mehr als Schoss- und Damenhündchen gehalten werden, haben auch sie grosse Jagdpassion und viel Schneid und sind im Bau zum Aushetzen der Kaninchen vorzüglich zu verwenden.» Das Ideal des Toy Terriers wäre also - und das gilt auch heute noch - das genaue Abbild des mittelgrossen Manchester Terriers. Das ist freilich ein Wunschtraum. Wir wissen von anderen Rassen, beispielsweise von Zwergschnauzern, Zwergpinschern, Zwergpudeln, dass dieses Wunschziel nur bis zu einer gewissen Grenze erreicht werden kann. Sinkt die Widerristhöhe des Hundes unter 30 cm ab, so treten unweigerlich die ersten Anzeichen der Verzwergung (Manismus) auf, sie werden um so ausgeprägter, je kleiner der Hund ist. Der Schädel wird rundlicher, das Schädeldach wölbt sich, die Augen treten mehr aus den Augenhöhlen heraus und erscheinen deshalb im Verhältnis zum Kopf grösser als beim mittelgrossen Hund, das «mandelförmige Auge» des Manchester Terriers weicht einem mehr runden Auge beim Toy, der Fang wird spitzer und leichter, und es treten vermehrt Zahnprobleme auf (persistierende Canini, Zahnsteinbefall schon in jugendlichem Alter, Prämolarverluste). Das Fell der extremen Zwerge wird dünner, was besonders bei den kurzhaarigen Rassen, wie Toy Terrier und Zwergpinscher, stark auffällt, die grossen Laufknochen sind relativ dünner als beim mittelgrossen Hund. Auch das Wesen ändert sich, die Hunde zeigen bis ins hohe Alter ausgesprochen infantile Züge (z.B. «Pföteln»). Damit müssen wir uns abfinden. Es gibt biologische Grenzen, die nicht ohne Folgen unterschritten werden können.

Erschienen in "unser Terrier" Nr. 80 / Herbst 2001

Text grösstenteils entnommen aus: «Enzyklopädie der Rassenhunde» Band 2 von Dr. hc. Hans Räber, Franck-Kosmos Verlag, mit freundlicher Genehmigung des Autors. Herzlichen Dank!